ETAPPE 2B – DIE TASSE-ÜBUNG
(Druck als Widerfahrnis, 12–15 Minuten)

Kernidee: Diese Übung macht erlebbar, wie sich Tun und Geschehen unterscheiden: Intention = bewusstes Handeln („Ich lege die Tasse ab“) Widerfahrnis = unwillkürliches Spüren („Der Druck geschieht“) Sprache kann das unmittelbare Spürfeld verengen – diese Übung führt zurück ins Vorsprachliche.

Material

• 1 leere Keramik- oder Glastasse (kein Plastik – wichtig für Temperatur und Gewicht) • Bequeme Unterlage (Matte, Bett, Couch)

Phase 1 – Vorbereitung (2 Min)

„Leg dich hin – nicht, um zu meditieren, sondern, um hingenommen zu werden. Nimm die Tasse in die Hand. Spüre ihr Gewicht. Spüre ihre Form. Dann lass sie ruhen. Schließe sanft die Augen. Spüre den Boden unter dir: Nicht du liegst – das Liegen geschieht.“

Phase 2 – Intention erspüren (3 Min)

„Hebe die Tasse an. Lege sie jetzt auf deinen Unterbauch – ganz bewusst. Spüre: Deine Hand greift gezielt. Dein Arm steuert den Druck. Eine leichte Anspannung führt die Bewegung. Das ist Handeln – du als Urheber. (Pause – Tasse liegt nun still.) Halte inne. Spüre den Übergang: Jetzt beginnt etwas anderes.“

Phase 3 – Widerfahrnis des Drucks (5 Min)

„Lass jedes Wollen los. Die Tasse ist da – aber nicht mehr als Objekt. Spüre: Den Druck, der sich nicht punktuell, sondern flächig ausbreitet. Die Temperatur – kühl oder warm – die in dein Gewebe sinkt. Ein Pulsieren darunter – nicht dein Puls, sondern Pulsieren an sich. Vielleicht antwortet dein Leib: Ein leichtes Nachgeben. Ein Strömen zur Seite. Ein Zittern, das du nicht machst. (Pause.) Nicht benennen. Nicht analysieren. Nur bleiben im reinen Geschehen. Der Druck ist kein Ding – er ist ein Ereignis zwischen Leib und Welt.“

Phase 4 – Nachklang (2 Min)

„Hebe die Tasse langsam an. Spüre: Die Abwesenheit des Drucks – nicht als Leere, sondern als neue Präsenz. Den Nachhall im Gewebe – wie ein Echo. Vielleicht ein Strömen dorthin, wo vorher Dichte war. Nicht du nimmst die Tasse weg – die Entlastung widerfährt dir.“

Phase 5 – Sprache & Phänomen (3 Min)

„Versuche nun, das Erlebte leise zu beschreiben: War der Druck hart oder weich? War er lokal oder diffus? (Pause – dann leise:) Spürst du, wie die Worte das Phänomen schrumpfen lassen? Wie das unmittelbare Spüren reichhaltiger war als alle Begriffe? Das ist der Ursprung des Leiblichen: Nicht, was du benennst – sondern, was dich benannt hat, bevor du 'Ich' sagen konntest.“ Variationen: • Mit warmer oder kalter Tasse arbeiten • Unterschiedliche Materialien vergleichen (Holz, Metall, Glas) • Die Tasse von jemand anderem blind platzieren lassen (Intention wird noch deutlicher entkoppelt)

Kommentar zu Etappe 2B – Tasse-Übung

Die Tasse-Übung macht den Unterschied zwischen Handlung und Widerfahrnis unmittelbar erfahrbar. Indem Druck, Gewicht und Temperatur nicht benannt, sondern gespürt werden, verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom Tun zum Geschehen. Der Leib wird dabei nicht gesteuert, sondern erfährt sich selbst als Resonanzraum. Diese Erfahrung vertieft das Loslassen, das im Zittern begonnen hat, und bereitet den Übergang zur atmenden Wende vor.
← Zurück zur Übersicht