Durch das O - Eine leibphilosophische Perspektive

1. Antwortform Nichts wird geplant. Nichts ergriffen. Vor dem Ich – nur das Schwanken zwischen Ein- und Ausatmen, wo die Luft dick wird und zu reden beginnt. Ich handle nicht. Ich antworte. Nicht auf das Gerufene – auf das Schwere, das sich senkt wie Wolken. Keine Festung. Eine Schwelle. Durchgang, wo Kräfte sich nicht messen, sondern Raum füreinander öffnen. Meine Hand berührt nicht. Berührung geschieht durch sie hindurch. Kein Zielpunkt – nur dieses: dass es strömt. Beben vor der Gestalt. Ahnen vor der Silbe. Es beginnt nicht mit Tat, es beginnt im Nachhall – mit der Leere, die den Leib durchzieht wie Licht durch Gitter. Kein Wissen. Keine Gewissheit. Nur dies: Ich weiß, weil ich nicht greife. Der Wind bittet nicht. Er weht. Und ich – kein Widerpart, nur sein Durchlass. Die Lage trägt. Ich stemme mich nicht. Ich kippe in sie hinein, bis Sturz und Strömung nicht mehr zu trennen sind. Was geschieht, geschieht nicht von mir. Es rinnt durch mich. Ich bin Antwort. Kein Anfang. Kein Schluss. Ein Aufleuchten zwischen Polen. Ein Ja, das nicht sich selbst meint, nur den Schwung, aus dem es zittert. Wu Wei – keine Regel, kein Entwurf, nur Fleisch: dieses offene Geflecht, das atmet, bevor es antwortet. 2. o. T. Hier wird nichts hergestellt, nichts gesendet. Kein Gegenüber verlangt nach Adresse. Nur dies ist Gegenwart: ein Zittern an der Schwelle zur Berührung – bevor sich entscheidet, wer hier eigentlich wen berührt. Ich bin nicht der Gedanke. Ich bin sein Saum. Wenn ich mich öffne – im Schweigen dünner werde –, fängt die Welt an, durch mich zu reden. Nicht in Sprache. Nicht in Zeichen. Als Gewicht. Als etwas, das nicht drängt, aber da steht – wie Wolken, die sich aufladen und doch nicht fallen. Kein Fühlen, wie ich es verstehe. Kein Denken, das sich beim Namen ruft. Kein Wille mit Richtung. Es ist einfach dies: nicht einzugreifen. Dann löst sich die Grenze. Von Durchbruch ist nicht zu sprechen – sie war immer schon Fiktion. Die Welt kam nicht herein. Sie war nie fort. Ich bin nur die Falte, in der sie sich selbst berührt. Ich sage noch »Ich«. Doch das Wort hängt ohne Anker im Raum. Wie ein offener Mund. Ein O, das kein Wort mehr werden will. O Was mich meint, ohne mich zu suchen. Was durch mich hallt, um sich selbst zu hören. Schwingung ohne Schall. Verständigung ohne Verabredung. Ich empfange nicht. Ich bin die Abwesenheit des Empfangshindernisses. Kein Sieb. Nur das ungestörte Glas. Vielleicht ist es das: nicht Horchen, sondern Nicht-im-Weg-Stehen. Kein Reagieren, nur ein Gerinnen zur Antwort. 3. Jetzt-Raum Geschichte klebt an den Rippen. Die Zeit, diese unermüdliche Erzählerin, häuft Schichten an – als wäre Fleisch ein Speichermedium, als müsste jede Berührung archiviert werden. Doch der Leib ist kein Protokoll. Er hallt. Er zittert. Er vergisst. Atem fließt nicht in Pfeilrichtung. Er dehnt sich wie ein See im Mondlicht, wirft konzentrische Kreise, die sich überschneiden und auflösen, bevor sie Ufer erreichen. Keine Chronologie. Nur dieses Flirren zwischen Einströmen und Ausströmen, diese flüchtige Gegenwart, die jeder Einbalsamierung widersteht. Jetzt ist kein Punkt. Es ist das Zerfließen aller Punkte. Hier (nicht hier) Jetzt (nicht jetzt) Raum ohne Koordinaten, wo nichts geschieht und alles gegenwärtig ist. Die Haut – keine Barrikade, sondern vibrierende Membran. Die Welt dringt nicht ein. Sie war schon immer drinnen. Schwere löst sich auf. Knochen werden zu Licht. Ich falle nicht – ich werde gehalten von einer Gegenwart, die keinen Namen trägt, weil sie allen Namen vorausgeht. Kein Echo von Gestern. Kein Vorgeschmack auf Morgen. Nur dieses: das glühende Nichts, das schwebende Alles. Die Zeit verharrt – nicht weil sie stillsteht, sondern weil sie nie fort war. Und ich? Ich bin das Loch im Erzählen. Die Pause zwischen zwei Herzschlägen. Die Stille, in der sich zeigt: es gab nie etwas außer diesem unfassbaren Jetzt.
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