In der Neuen Phänomenologie Hermann Schmitz’
klafft ein Riss zwischen Körper und Leib –
ein unsichtbarer Graben, der die Moderne durchzieht.
Der Körper: Ein Konturgefängnis aus Haut und Knochen,
vermessen, gewogen, zerschnitten von Diagnosen.
Der Leib: das Fließende, das Unortbare,
ein vibrierendes Netz von Empfindungen,
das sich ausdehnt wie Dunst über einer Landschaft.
Hier beginnt die Revolte gegen den Cartesianismus,
gegen ein Denken, das Welt in Subjekt und Objekt zerspaltet
und den Menschen zum Herrn über eine tote Maschine krönt.
Diese Hybris des Ich – Maß und Mitte alles Seienden –
führt in das Gefängnis des Anthropozentrismus:
eine Zelle aus Kontrollwahn und Besitzdenken,
in der alles Lebendige zum Objekt schrumpft.
Wer den Körper nur als Maschine sieht,
macht auch die Welt zur Beute.
Die cartesianische Spaltung ist der Same des Kapitalismus:
Wenn alles nur Ding ist,
lässt es sich nehmen, horten, verbrauchen.
Natur wird zum Bergwerk,
der Mensch zum Selbstunternehmer,
das Leben zum Kreislauf endloser Verwertung.
Die Moderne hat diese Logik perfektioniert –
vom Raubbau an der Erde
bis zur Optimierung des eigenen Ichs,
das sich wie eine Aktie verwaltet.
Doch die Neue Phänomenologie sprengt diese Ketten.
Sie enthüllt: Der Leib ist kein Besitz –
er ist ein Schwingen in einem größeren Feld.
Ich habe ihn nicht – ich bin ihn.
Und in diesem Sein fließt schon die Welt.
Damit zerbricht die Illusion
des abgeschlossenen Individuums,
das sich durch Eigentum definiert.
Besitz ist ein Trugbild,
aufrechterhalten nur durch die Verleugnung
unseres leiblichen Eingewobenseins –
dieses stumme Wissen,
dass wir niemals allein sind,
sondern immer schon atmen
im Rhythmus der Dinge.
Hier öffnet sich ein politischer Raum
jenseits der Logik des Habens.
Wenn wir leiblich verwoben sind
mit Tieren, Pflanzen,
mit dem Zittern der Luft –
wie könnten wir noch glauben,
die Welt gehöre uns?
Der Kapitalismus,
gebaut auf der Versteinerung des Lebendigen,
verliert seinen Boden.
An seine Stelle tritt eine andere Haltung:
nicht Beherrschen, sondern Mitschwingen;
nicht erobern,
sondern sich tragen lassen.
Privates ist längst nichts mehr –
jetzt ein Aufstand
gegen eine Ordnung,
die alles in Ware verwandelt.
Ein Widerstand,
der nicht marschiert,
sondern atmet –
und Atem werden lässt.
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