Horizontale Mystik – Ent-Üben ins Spürfeld
Vom Aufstand der Mittenlosigkeit

Die Welt schwankt zwischen Esoterik und Excel-Tabellen. Ich schlage kein Dazwischen vor – ich weite. Weiter. Bis der Horizont nicht mehr Grenze ist, sondern pulsierendes Feld. Meine Spürfeldmeditation kennt keine Stufen, kein Oben und Unten – nur ein Ent-Üben, ein langsames Lösen der Fesseln, die das Selbst als feste Größe behaupten. Seit Jahrhunderten jagt abendländische Spiritualität vertikalen Träumen nach – Aufstiege, Erleuchtungen, Himmelsleitern. Ich sage: Ent-Üben statt erklimmen. Nicht transzendieren – resonieren. Nietzsches Gott ist tot? Gut so. Jetzt atmet endlich Raum zwischen den Dingen. Mein Leib ist keine Stufe zum Himmel – er ist das schwingende Netz, in dem sich Himmel und Erde begegnen, ohne sich zu berühren. Die Revolution beginnt unscheinbar: Eine Tasse senkt sich in meine Hand. Ein Luftzug streicht vorbei. Die Atmosphäre verdichtet sich. Ich erzeuge den Druck nicht – er widerfährt mir. Kontrolle weicht Hingabe, Aneignung wird Antwort. So zerfällt in sieben Ausweitungen die Fiktion des umgrenzten Ichs. Grenzen verschwinden nicht – sie beginnen zu schwingen. Atem ist kein Akt, sondern eine Welle, die mich trägt, bevor ich Schwimmer bin. Die östliche Weisheit kennt diese Leere – Nāgārjunas Netz aus vibrierenden Tropfen, das Qi, das Körper und Welt durchströmt, Wu wei, das Nicht-Handeln. Doch meine Mystik bleibt europäisch: Sie wächst aus Hermann Schmitz’ Leibanalyse, Meister Eckharts Gelassenheit, Maxwells Feldtheorie, Heideggers Geworfenheit… Sie findet Mittenlosigkeit ohne Sanskrit, ohne Chakren. Neurowissenschaften bestätigen, was das Ent-Üben ist: Wenn das Default-Mode-Netzwerk verstummt, endet das Ich-Geflüster. Kein Lichtblitz, keine Erleuchtung – sondern ein Verstummen, ein Aufweichen der Mitte. Ich bin nicht Mittelpunkt – ich bin Mittenlosigkeit. Der Raum atmet durch mich. Die Berührung geschieht von selbst. Ich werde gespürt. Diese Mystik ist kein Rückzug ins Private. Sie ist ein leiser Aufstand. Wer sich als Feld erfährt – ohne Zentrum, ohne Besitzanspruch – untergräbt die Grundfesten des Kapitalismus. Eigentum? Eine Fiktion. Autonomie? Ein Missverständnis. Politik beginnt nicht beim isolierten Subjekt, sondern im atmenden Feld geteilter Resonanz. Ich biete keine Methode. Ich lade ein zum Ent-Üben – zum leisen Auflösen des Selbst im schwingenden Netz des Spürens. Wo Ich endete, beginnt jetzt Welt. Unaufhörlich. Unbegrenzt. Berührend. Ich bin nicht der Spürende. Ich bin Mittenlosigkeit, ein atmendes Feld, das sich ausdehnt.
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