Was ist Existenzialistische Sentimentalität?

Ich taste mich an die Grenze, wo die Sprache noch keinen Namen trägt. Ich schreibe nicht über die Existenzialistische Sentimentalität – ich lasse sie durch mich hindurchrieseln. Ich – kein Ich mehr, nur ein Summen unter der Haut. Camus’ Stein rollt nicht, er schwingt. Ich liege neben ihm, lausche, wie seine Schwere meine Knochen verstimmt. Kein Aufschrei, nur ein Nachhall. Nietzsche sprach vom Schweigen. Ich falle hinein – nicht abwärts, sondern nach innen, in die feuchte Kammer des Brustkorbs. Dort klopft etwas, das nicht mein Herz ist. Ich nenne es Schuld, bis es sich in einen Schauer auflöst. Ich übe das Loslassen. Nicht als Askese, sondern als Sabotage gegen das Festhalten. Ich atme ein – diese Luft war schon in tausend Lungen. Ich atme aus – jetzt bin ich Luft in anderen. Jaspers’ Grenzen sind keine Mauern. Sie sind Risse in der Tapete. Tod – das tägliche Zerbröseln meiner Atemzüge. Schuld – ein Stromstoß, der nur in Berührung neutral wird. Kampf – das Zucken meiner Muskeln gegen die Schwere. Zufall – der Splitter im Satz, der den Rhythmus bricht. Ich lege die Hand auf die Wand – der Putz lebt. Ich lege die Hand auf mein Gesicht – das Gesicht löst sich. Ich küsse – nicht, um zu besitzen, sondern um Felder zu kreuzen. Zwei Schwingungen, kurz überlagert, dann wieder allein. Der Nachgeschmack: kein Erinnern, sondern Offenbleiben. Ich sitze still. Die Stille ist kein Zustand, sie ist ein Durchgang. Hermann Schmitz sagte: Atmosphären sind Räume. Ich sage: der Raum ist ein Herzrauschen, das nicht verstummt. Ich höre, wie der Asphalt atmet. Ich höre, wie mein Name im Bitumen zerfließt. Ich schreibe – und das Wort „Ich“ wird dünn, durchscheinend, knisternd, eine Öffnung. Ich endlich nicht mehr Kern, sondern Kruste, die bröckelt. Darunter: kein neuer Kern, nur das Nachleuchten eines Feldes, das niemandem gehört. Und doch: im Zittern dieser Zeilen bin ich nicht allein. Wir sind das Zittern, wir sind der Durchgang.
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